Von Ruth Herrmann
Wir alle haben Gefühle. Freude, Liebe, Wut, Angst, Scham, Ekel, Neugierde und viele mehr. Sie begleiten uns durch den Alltag und geben uns wichtige Hinweise darauf, was in uns gerade passiert.
Doch was antwortest du, wenn dich jemand fragt, wie du dich fühlst?
Vielleicht kennst du solche Aussagen:
- Ich fühle mich ignoriert.
- Ich fühle mich nicht respektiert.
- Ich fühle mich vernachlässigt.
- Ich fühle mich ausgenutzt.
Das klingt zunächst nach Gefühlen. Tatsächlich beschreiben diese Aussagen jedoch meist keine Gefühle, sondern Bewertungen einer Situation.
Unser Gehirn bewertet ununterbrochen. Das ist auch gut so. Jeden Tag prasseln unzählige Eindrücke auf uns ein. Würde unser Gehirn diese nicht ständig sortieren und einordnen, wären wir innerhalb kürzester Zeit komplett überfordert.
Stellen wir uns vor, wir haben in der Vergangenheit häufig erlebt, dass andere Menschen unsere Wünsche oder Bedürfnisse übergangen haben. Das kann schmerzhaft gewesen sein und Gefühle wie Angst, Unsicherheit, Scham oder Wut ausgelöst haben.
Wenn heute jemand nicht auf eine Nachricht reagiert oder ein Versprechen nicht einhält, verknüpft unser Gehirn die aktuelle Situation möglicherweise blitzschnell mit alten Erfahrungen.
Und zack: Der Gedanke ist da.
„Die Person ignoriert mich.“
Diese Bewertung löst wiederum Gefühle aus. Vielleicht Wut. Vielleicht Enttäuschung. Vielleicht Unsicherheit.
Nun erfahren wir später, dass die andere Person selbst gerade stark belastet war und deshalb nicht reagieren konnte.
Plötzlich verändert sich unsere Sicht auf die Situation.
„Ach so. Na klar, dann war es gar nicht gegen mich gerichtet.“
Die Anspannung lässt nach. Wir atmen auf. Vielleicht spüren wir Erleichterung. Vielleicht Verständnis. Vielleicht sogar Mitgefühl.
Die Situation ist dieselbe geblieben. Geändert hat sich lediglich unsere Bewertung.
Das bedeutet nicht, dass unsere Gefühle falsch waren. Ganz im Gegenteil. Gefühle sind immer echt. Sie zeigen uns, was in uns vorgeht.
Die Gedanken und Bewertungen, die wir über eine Situation haben, sind jedoch nicht zwangsläufig die Wahrheit.
Wenn wir also sagen: „Ich fühle mich nicht respektiert“, beschreiben wir streng genommen keine Emotion, sondern unsere Interpretation eines Verhaltens.
Präziser könnte es heißen:
„Du hast nicht auf meinen Wunsch reagiert. Ich habe das als Ablehnung verstanden und wurde wütend.“
Oder:
„Als du nicht geantwortet hast, fühlte ich mich unsicher und traurig.“
Warum ist das wichtig?
Weil genau hier Handlungsspielraum entsteht.
Wenn wir erkennen, dass wir gerade bewerten, können wir einen Schritt zurücktreten und neugierig werden. Wir können genauer hinschauen und uns fragen:
Ist meine Interpretation die einzige mögliche Erklärung?
Vielleicht ja.
Vielleicht aber auch nicht.
Und manchmal stellen wir fest, dass die Realität weit weniger bedrohlich ist als die Geschichte, die unser Gehirn daraus gemacht hat.
Das gelingt nicht immer sofort. Manchmal brauchen wir Stunden oder Tage dafür. Doch je häufiger wir unsere Bewertungen hinterfragen, desto leichter wird es, Missverständnisse aufzulösen und unnötigen inneren Stress loszulassen.
Und vielleicht entsteht dadurch etwas mehr Gelassenheit. Mehr Verständnis. Mehr Verbindung.
Mit anderen Menschen und mit uns selbst.

