Von Ruth Herrmann
Im letzten Beitrag haben wir uns mit dem Unterschied zwischen echten Gefühlen und Bewertungen beschäftigt. Echte Gefühle sind beispielsweise Freude, Angst oder Wut. Aussagen wie „Ich fühle mich ignoriert“ beschreiben dagegen eher eine Bewertung oder Interpretation einer Situation.
Doch wie können wir damit umgehen, wenn wir uns beim Bewerten einer Situation ertappen? Ein wichtiger erster Schritt ist, die Situation möglichst wertfrei zu beschreiben: Was habe ich tatsächlich beobachtet? Was wurde gesagt oder getan? Wie hat jemand konkret reagiert?
Beispielsweise wäre die Aussage „Jemand ist ärgerlich weggegangen“ bereits eine Interpretation. Noch deutlicher wird dies bei Aussagen wie „Jemand wollte nichts mehr mit mir zu tun haben und hat sich deshalb weggedreht.“ Hier werden Motive und Absichten angenommen, die wir nicht sicher wissen können.
Eine wertfreie Beschreibung könnte stattdessen lauten: „Die Person hat sich umgedreht und den Raum verlassen.“ Das beschreibt lediglich die beobachtbaren Fakten.
Bewertungen und Interpretationen sind menschlich und vollkommen verständlich. Dennoch bleiben sie Annahmen und entsprechen nicht zwangsläufig der Realität.
Wobei kann uns dieses Bewusstsein helfen? Wenn wir eine Situation zunächst wertfrei betrachten, erkennen wir möglicherweise, dass unsere Interpretation mehr mit unseren eigenen Erfahrungen, Erwartungen oder vergangenen Erlebnissen zu tun hat als mit dem tatsächlichen Geschehen in der Gegenwart.
Wir alle bewerten Situationen, denn unser Gehirn arbeitet mit Einordnungen und Schlussfolgerungen. Ein bewusster Umgang mit diesen Bewertungen kann jedoch dabei helfen, unterschiedliche Perspektiven besser zu verstehen, Missverständnisse zu vermeiden und gemeinsam konstruktive Lösungen zu finden.

